Lange bevor die Mieten am Kohlmarkt in astronomische Höhen kletterten, saß auf Nummer 3 die Buchhandlung Berger – ein unspektakuläres, aber langlebiges Geschäft, das erst Anfang der 2000er der für den Kohlmarkt typischen Mieterhöhung weichen musste (bis zu 400 Prozent bei Geschäftsübergaben, wie man sich erzählt).
Interessanter war, wer davor in einer kleinen Passage des Hauses sein Geschäft hatte: der sogenannte „Goldfüllfederkönig“, eines der schillerndsten Wiener Originale seiner Zeit. Er verkaufte Füllfedern, aber sein eigentliches Talent war ein anderes: Aufmerksamkeit um jeden Preis. Er führte unzählige Prozesse, nur um im Gespräch zu bleiben, stellte Zeitungsartikel über sich selbst aus wie Trophäen und bekannte sich – hochbetagt und längst in Pension – sogar öffentlich zu einem Mord in Frankfurt, mit dem er nachweislich nichts zu tun hatte. Einmal ließ er unter einem erfundenen Namen eine Zeitungsnotiz über seinen angeblichen Suizid samt einem am Kohlmarkt vergrabenen Geldkoffer setzen – woraufhin sich prompt eine Menschenmenge auf die Suche machte.
Aus dem Volksmund: Ob wirklich jedes Detail dieser Geschichten stimmt, oder ob der Goldfüllfederkönig selbst kräftig nachgeholfen hat, lässt sich heute kaum noch trennen – genau das war ja sein Talent.
Sein Hausherr in dieser Zeit war ausgerechnet Paul Wittgenstein: Spross einer der drei reichsten Familien Wiens (und Bruder bzw. Cousin des Philosophen Ludwig Wittgenstein), der als Pianist im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verlor, sich davon aber nicht beirren ließ und fortan für die linke Hand konzertierte – Komponisten wie Maurice Ravel und Paul Hindemith schrieben eigens Klavierwerke für ihn.
Zu seinen denkwürdigsten Auftritten zählte ein jahrelanger Rechtsstreit mit der Gräfin Triangi, der derart öffentlichkeitswirksam ausgetragen wurde, dass das Landesgericht die Verhandlungssäle wegen des Zulaufs an Schaulustigen zeitweise sperren musste. Vom Erlös seiner Aufmerksamkeitsgeschäfte konnte sich der Goldfüllfederkönig übrigens ein zweites, kleineres Geschäft am Hohen Markt leisten, das er nach dem Krieg noch betrieb.